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OHNE UNTERTITEL



In dem 1996 erschienenen Buch "Ohne Untertitel. Fragmente einer Geschichte des österreichischen Kinos" versammeln die Herausgeberinnen Ruth Beckermann und Christa Blümlinger Versatzstücke einer österreichischen Film-, bzw. Kinogeschichte:

Es geht in diesem Sammelband nicht darum, eine Geschichte, oder aber die eine Geschichte des "alten" österreichischen Films, wie ihn E.Schmidt Jr. einmal nannte, als lineare Entwicklung zu beschreiben. Keine traditionelle Filmhistoriographie, sondern eine multiperspektivische Ansammlung von pointierten Essays, die einander in mitunter erstaunlicher Weise ergänzen, berühren, unter Umständen auch widersprechen. Die Figur des Regisseurs und ehemaligen "Wien-Film"-Leiters vor und nach 1945, Karl Hartl, wird zum Beispiel von mehreren Seiten beleuchtet: in Klaus Kreimeiers Porträt, das auf Qualitäten aus der Ufa-Zeit lange vor dem Anschluß insistiert, sodann in mehreren Texten, die Hartls handwerklich gut gemachte, jedoch ambivalente Vergangenheitsbewältigung "Der Engel mit der Posaune" ansprechen, oder aber in Thomas Elsaessers erhellendem Interview mit dem nach Hollywood emigrierten Drehbuchautor Walter Reisch, der Zeit seines Lebens trotz seiner Vertreibung seinen ehemaligen Kollegen aus der Ufa-Zeit Willi Forst, Gustav Ucicky und Karl Hartl verbunden blieb.

Zeichen einer jenseits der historischen "Brüche" verlaufenden "langen" geschichtlichen Dauer werden im Buch etwa an einzelnen Filmen, Schauspielerkarrieren oder am problematischen (Abhängigkeits-)Verhältnis Österreichs zu Deutschland festgemacht. So versucht etwa Karl Sierek, diese Brüche in der Nachkriegsproduktion von Willi Forst auszumachen und damit die zeitlichen und ästhetischen Schichtungen zu markieren, die das österreichische Kino der Zweiten Republik bestimmen. Dies heißt aber auch, daß ein Blick auf Kontinuitäten jenseits des historischen Bruches 1945 nicht unbedingt nur bedeutet, Spuren der NS-Zeit im Nachkriegsfilm zu untersuchen, sondern auch auf kulturelle Dispositionen der 20er und 30er Jahre zu achten: Es ging in vielen Beiträgen darum, die Kontexte österreichischer Mythologien (ob im "Wiener Film", im "Heimatfilm", oder aber im Kino der Emigranten) herauszuarbeiten.

Das "österreichische" Kino hat historisch je unterschiedliche diskursive Ausprägungen einer nationalen Identität aufzuweisen. Das starke Interesse an Fragestellungen hinsichtlich der Konstruktion einer "Identität" im österreichischen Nachkriegsfilm hängt sicherlich mit den deutlich in diese Richtung weisenden "Restitutions"-Topoi jener Zeit zusammen, die auf eine Beseitigung der Diskreditierung durch die Involvierung in das 'Dritte Reich' verweisen. Eine Reihe von Mythologien lassen sich in diesem historischen Kontext beschreiben. Gerade der Heimatfilm etwa kann, wie Irene Nierhaus zeigt, typisch für die Gleichzeitigkeit von Modernität und Traditionsbindung - oft im Sinne eines akuten Ambivalenzkonfliktes - als für die Wiederaufbau-, und beginnende Wirtschaftswundergesellschaft gelten.

Das Abwandern von Talenten von Budapest nach Wien und weiter von Wien nach Berlin bewegte sich (unter Umständen über Paris) weiter nach Hollywood in den dreißiger Jahren, an dessen vielzitierter "deutscher" Invasion viele Österreicher teilhatten. Thomas Elsaesser stellt fest: "So war die charakteristische Stimme des österreichischen Films immer schon eine exterritoriale - ein Charakteristikum , das sich in der Vielfalt entlang des Weges von Budapest nach Wien, von Wien nach Berlin und von Berlin nach Hollywood widerspiegelte." Den Vertriebenen kommt allerdings, wie Georg Tillner analysiert, innerhalb des "territorialen" Films der Ort des Anderen zu.

Die Ergänzung der österreichischen Beiträge durch nicht-österreichische Autorinnen und Autoren erlaubte einen neuen Blick auf den österreichischen Film. Zum ersten Mal setzt sich etwa ein französischer Filmtheoretiker mit dem in den fünfziger Jahren begonnenen Werk des Avantgardefilmemachers Kurt Kren auseinander, und fügt damit der hierzulande gepflogenen Sicht der aus dem Aktionismus geborenen bzw. wider das Erzählkino gerichteten heimischen Avantgarde eine neue Lesart hinzu: als denkfähiges Kino, das - in Anlehnung an Adornos Musiktheorien - sich als "Kunst der Relationen" darstellt.







OHNE UNTERTITEL. Fragmente einer Geschichte des österreichischen Kinos. Ruth Beckermann, Christa Blümlinger Seiten: 416 Ausstattung: Klappenbroschur Sonderzahl, 1996

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