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europamemoria - Memories of Europe

ERINNERUNGEN EUROPAS

25 Gesichter auf 25 Bildschirmen in 25 Kabinen. Flüchtlinge, moderne Nomaden. Menschen in Europa erzählen ein Stück ihrer Geschichte. Einen Moment ihres Lebens.

Ruth Beckermanns Projekt nähert sich Europa als "Raum, der sich in einem "ständigen Prozeß der Produktion befindet" (Henri Levebre). Es zeigt europäische Erinnerungen, welche nicht mehr die Gedächtnisse der Nationen repräsentieren, sondern die individuellen Erfahrungen der Menschen, die hier und jetzt in Europa leben. Es zeigt die Brüche in kollektiven Erzählungen, mehr noch, den Zusammenbruch des Konzepts eines verbindlichen Narrativs.

Ein Jahr lang zeichnete die Filmemacherin Gespräche mit Menschen auf, die ihre Orte verliessen, manche freiwillig, viele durch Kriege und Konflikte gezwungen. Menschen, die den "Verlust der Heimat", in den meisten Fällen rückblickend dennoch als "befreiende Bewegung" empfinden.

Eine Auswahl aus den an verschiedenen Orten gedrehten Begegnungen wird im Grazer "Dom im Berg" versammelt. Dem Besucher öffnet sich in jeder Kabine ein Fenster zu einem Abschnitt der "großen" europäischen Historie: Nationalsozialismus, Kommunismus, Kolonialismus bilden den Hintergrund der persönlichen Erinnerungen.

Joop zum Beispiel, der in Indonesien geboren wurde, als Kind in einem japanischen Konzentrationslager war, heute in Den Haag lebt, doch die Landschaft seiner Kindheit im Herzen trägt, ohne der Kolonialzeit nachzutrauern. René, Französischlehrer in Nizza, ein Prinz aus der Familie des letzten Kaisers von Anam, der als Achtjähriger vor Ho Chi Min flüchten musste. Sladana, eine 22jährige Serbin, die während der zehn Kriegsjahre oft mehrmals wöchentlich am Bahnhof ihre Freunde verabschiedete, die emigrierten und nie mehr zurückkommen werden. Wojciech, der als Medizinstudent von Krakau nach Wien kam und sich erst hier, am Krankenbett einer Jüdin, zu fragen begann, was sich zwischen Polen und Juden zugetragen hatte.

Durch eine enge Kadrierung, die das Gesicht vom Haaransatz zum Kinn fasst, wird die Konzentration auf Mimik, Stimme und Inhalt der Erzählung gelenkt. Das Gesicht in seiner radikalen Einzigartigkeit ist das Gepäck, das jeder mitnimmt, wohin er auch wandert.

Die Reflexion über die Möglichkeiten, Elemente wie Sequenz und Montage in ein anderes Konzept als das filmische zu transferieren, liegt der Arbeit an "europamemoria" zugrunde. Ruth Beckermanns künstlerisches Zentrum ist der essayistische Film: Wie man Geschichte in Geschichten zerlegt, wie man den Prozess des Geschichtenerzählens sichtbar, nachvollziehbar macht, daran arbeitet die Autorin seit zwei Jahrzehnten. Mit "europamemoria" geht sie nun erstmals in Form einer Rauminstallation der Frage nach, wie (oder ob) story zu history zu verdichten ist.

Eine Werkschau mit sechs ihrer dokumentarischen Arbeiten - von "Wien Retour" bis zu "homemad(e)" kommentiert die Ausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Essays von Christa Blümlinger und Stefan Grissemann, sowie eine DVD.
Ruth Beckermann's project views Europe as a "space constantly in the process of production" (Henri Levebre). It is not concerned with national or group histories but just with individual experiences. By doing so it explores the disruption of collective memory, in fact of the very concept of it.

For a whole year the filmmaker interviewed people who have left their original home, to settle elsewhere, some voluntarily, but most of them forced by wars and conflicts. People who had to make a new start in life in highly uncertain circumstances - yet they feel that the loss of their moorings was also some kind of liberation.

A selection of these interviews conducted at different places will be presented as an installation in the "Dom im Berg" in Graz. In every booth, the visitor will be confronted with a major theme of european history - National Socialism, Communism and colonialism, which form the backdrop of personal memories being told on individual video screens.

Joop, for example, born in Indonesia, placed as a child in a Japanese concentration camp, today lives in The Hague but carries the landscape of his childhood in his heart without yearning for the colonial past. René, French teacher in Nice, a prince from the last imperial dynasty of Vietnam, who had to flee from the advancing forces of Ho Chi Min at the age of eight. Sladana, a 22-year-old Serb woman, who during the 10 years of war, often several times a week, saw friends off at the station, some never to return. Wojciech, who came to Vienna from Krakow to study medicine and only there, at the bedside of a Jewish woman patient, began to ask himself what had really happened between Poles and Jews.

Through close-ups of the face framing it only from hairline to chin, with no indication of location or clothes, Ruth Beckermann aims to transcend the normal documentary format. This allows to focus attention on facial expressions, on the sound of a voice. The face in it's radical singularity, the essential baggage which goes with people wherever they go.

In this exhibition, the artist experiments with ways of using essential techniques of cinema like editing and sequence for other art forms in spatial settings. Since about twenty years Ruth Beckermann's work has been centred around the essay-film: how to fragment history into stories, how to render history visible, comprehensible. "europamemoria" expands on this theme: how (or if) story could become history.

During the exhibition, six films by Ruth Beckermann - including "Return to Vienna" and "homemad(e)" - will be shown at a cinema in Graz.

Maison des Arts Créteil, Paris
9.3. - 19.3.2006

Museum Moderner Kunst, Wien
11.11.2004 - 6.1.2005

Dom im Berg, Graz
29.8. - 28.9.2003