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UNZUGEHÖRIG

ÖSTERREICHER UND JUDEN NACH 1945


Vorwort zur Neuauflage: Wien, Löcker Verlag, 2005

Das Gedenkjahr 2005, in welchem sowohl sechzig Jahre Kriegsende wie fünfzig Jahre Staatsvertrag gefeiert wurden, entwickelte sich zu einem seltsamen Heimat-Spektakel. In rührseligem Erinnern an die schwere Wiederaufbau-Arbeit und Schulterklopfen über die Erfolgsstory der zweiten Republik fiel sich das Volk in die Arme. Das Amalgam aus Befreiung und Besetzung durch die Alliierten machte es möglich, die Schuld am Nationalsozialismus nicht mehr leugnen zu müssen und sich doch als Opfer – diesmal der allierten „Besatzung“, empfinden zu dürfen.
Im Rückblick auf die Jahre 1945-1955 wurde viel von Heimkehrern und Trümmerfrauen geredet, wohl auch vom Umgang mit den Tätern und ihrer raschen Eingliederung in die Gesellschaft, wenig jedoch von den überlebenden Juden, von ihrem Leben nach dem Überleben.

Beim Durchblättern der Gedenkbücher, bei den Reden des konservativen Bundeskanzlers wie des sozialistischen Bundespräsidenten, in den Ausstellungen und Veranstaltungen, spürte ich das Lebensgefühl der Unzugehörigkeit, welches in den 90er-Jahren schwächer geworden war, wieder auftauchen.

Nach den Aussagen Kurt Waldheims während des Wahlkampfs 1986, er habe als österreichischer Soldat in der Wehrmacht „nur seine Pflicht getan“, platzte die österreichische Opferlüge und gab den Blick frei auf die eigentlichen Opfer des Nationalsozialismus. Endlich zerbrach das Tabu, das wie eine dumpfe Last der Lügen und des Schweigens auf der Gesellschaft gelegen hatte. Erstmals wurde in vielen Forschungsprojekten, aber auch in Schulen, Bezirksgruppen, in Film und Fernsehen darüber gesprochen, was den österreichischen Juden widerfahren ist und wie die Österreicher in Raub, Pogrom und Mord involviert waren. Gleichzeitig und zum Teil als Reaktion auf den veränderten Umgang mit der „Vätergeneration“, solidarisierte sich Jörg Haider erfolgreich mit den „alten Kameraden“, was in seiner skandalösen Äußerung von der „ordentlichen Beschäftigungspolitik der Nationalsozialisten“ kulminierte.

Doch in den Jahren vor dem EU-Beitritt 1995 schienen weder der schließlich „jetzt erst recht“ gewählte Präsident Waldheim noch der Stimmenzuwachs der FPÖ die Durchsetzung des neuen Diskurses und der Gegenkultur aufhalten zu können. Und wirklich sprach 1991 Franz Vranitzky als erster Bundeskanzler im Parlament von der Opfer-als auch Täterschaft Österreichs und der Verantwortung, welche die Republik für die Verstrickung eines großen Teils ihrer Bürger in den Nationalsozialismus übernehmen müsse (1) .

Es ist eine Illusion zu glauben, einmal erreichter Bewusstseinsstand könne nicht mehr rückgängig gemacht werden. Nach fünf Jahren gemeinsamer Regierung von ÖVP und FPÖ, wird offiziell wieder von Österreich als Opfer gesprochen, auch wenn dazu seltsame Verrenkungen in Form zweier Negationen notwendig sind, wie sie Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in einem Interview formulierte: „...ich werde nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht.“ (2)

Der österreichische Diplomat Hans Thalberg schrieb 1984, er könne eher mit einem Holländer oder Jugoslawen eine gemeinsame Sichtweise über die Nazizeit finden als mit einem Österreicher. Dies gilt nicht allein für die Nazizeit, sondern auch für die Nachkriegszeit. Die Trennung in die beiden Kollektive „österreicher“ und Juden, die in ihrer extremen Ausprägung lediglich auf die NS-Zeit zutraf, wirkt im Rückblick fort - ebenso wie die Verbundenheit der Juden mit den Alliierten und ihrer Erinnerungskultur.

Was ist nun neu um Alten?

In der Leitung der Jüdischen Gemeinde fand ein Generationenwechsel statt, mit welchem eine kritischere politische Haltung zu den jeweiligen österreichischen Regierungen, so wie ein selbstbewussteres Auftreten zur Durchsetzung jüdischer Interessen einhergingen. Eine von der Regierung eingesetzte Historikerkommission sammelte systematisch Daten und Fakten und legte einen Bericht über das Ausmaß des geraubten Vermögens der österreichischen Juden vor. Die Kultusgemeinde erreichte in den Restitutionsverhandlungen endlich einen Durchbruch zur Entschädigung des Gemeindevermögens. Für die einzelnen Überlebenden hat sich allerdings wenig geändert; sie füllen wieder neue Formulare aus, welche wieder in einer Warteschlange der Bearbeitung harren. Wie alle Regierungen vor ihr macht auch diese immer nur einen kleinen Schritt. Seit Kriegsende wurde die sog.Judenfrage parallel mit der Nazifrage behandelt, damals engagierte sich die Regierung für die „Rückstellungsbetroffenen“, heute entschädigt sie die „Trümmerfrauen“. Die heutigen Politiker, allesamt keine Kriegsteilnehmer mehr, führen die Restitution zwar durch, in ihren Reden und ihrem Schweigen wird allerdings deutlich, wie lästig ihnen diese Aufgabe ist. So kommen auch positive Gesten oft als Beleidigung an.

Doch anders als bei Erscheinen dieses Textes, gibt es heute eine Menge von Intellektuellen, Künstlern und Politikern, welche gegen Antisemitismus und Revisionismus auftreten. Schließlich ist Österreich mittlererweile ein Teil der Europäischen Gemeinschaft und die konstituierende Bedeutung der Schoah im Bewusstsein der Gründerstaaten strahlt auf die mittel-und osteuropäischen Länder aus. Für die kleine jüdische Gemeinde in Österreich waren die Entrüstung und die „Sanktionen“ der anderen Mitgliedsstaaten über die Regierungsbeteiligung einer rechtsradikalen Partei entlastend und beruhigend.

Die sichtbarste Veränderung jüdischen Lebens in Wien ist eine demographische: Etwa 6000 Juden aus Georgien und Buchara, aber auch eine wachsende orthodoxe aschkenasische Gemeinschaft besiedeln vor allem den zweiten Bezirk. Auf der ehemaligen „Mazzesinsel“ entstand eine jüdische Infrastruktur mit Schulen, Lebensmittelgeschäften und Restaurants: Von koscherer Pizza bis zu grusinischen Spezialitäten kann man zwischen Donaukanal und Prater auswählen.
Auch in der Wiener Innenstadt haben die Juden einige Plätze besetzt. Dem Denkmal am Albertinaplatz steht das Denkmal zur Erinnerung an die ermordeten Juden auf dem Judenplatz gegenüber. Ein jüdisches Museum wurde eingerichtet, wo während des Gedenkjahres 2005 die Nachkriegszeit aus jüdischer Sicht dargestellt wurde.

Bald zwanzig Jahre sind seit Niederschrift dieses Textes vergangen. Viele Bücher erschienen zu dem Thema, neue Quellen wurden erschlossen, welche diesen schmalen Band ergänzen und erweitern, meine grundsätzlichen Analysen jedoch nicht verändern, sondern untermauern.
Erstaunt war ich beim Durchlesen meines Essays wohl darüber, dass das Lebensgefühl der Unzugehörigkeit, in welcher ich ihn geschrieben hatte – durch die Ereignisse mal abgeschwächt, dann wieder bestärkt - Bestandteil jüdischen Lebens in diesem Land bleibt.

Wien, im August 2005

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1) Erklärung Franz Vranitzkys vor dem Nationalsrat am 8.Juli 1991; in: Gerhard Botz, Gerald Sprengnagel (Hg): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker. Frankfurt/New York ..., S.575

2) C.Ritterband: Meister der Beharrlichkeit am Ballhausplatz. Fünf Jahre Schüssel und schwarz-blaue Koalition. Interview mit Wolfgang Schüssel; NZZ, 5.2.2005, S.9





UNZUGEHÖRIG Österreicher und Juden nach 1945 2. ergänzte Auflage Seiten: 140 Ausstattung: Broschur Format: 12 x 21 cm Löcker Verlag, 2005

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Österreicher und Juden nach 1945

Löcker Verlag