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JENSEITS DES KRIEGES

Weißgekachelte Räume, Neonlicht, an den Wänden Schwarzweiß-Photographien der Ausstellung Vernichtungskrieg über die Verbrechen der Wehrmacht an der Ostfront. Vor diesem Hintergrund drehte Ruth Beckermann eine Anhörung ehemaliger Soldaten über ihre Erlebnisse jenseits des normalen Krieges. Ein kompromissloser Film über Erinnerung und Vergessen.
High8/35mm - 117’ – color – 1.1,66
optical sound - OV german
subtitles: english, french

a film by Ruth Beckermann
cinematography Peter Roehsler
editing Gertraud Luschützky

premiere 19.10. 1996, Viennale
cinema release 27.11.1996, Votiv Kino, Vienna
festivals Berlin, Cinéma du réel Paris, Nyon, Pesaro, Jerusalem, Duisburg, etc

Ruth Beckermanns Film dupliziert die Ausstellung nicht, er beginnt dort, wo sie endet: im Kommentar dazu. Sein Thema ist weniger die Geschichte als das Erinnern, weniger die Vergangenheit als die Gegenwart ... Die Filmemacherin entscheidet sich dafür, nur Männern zu begegnen, die in einem Alter sind, diese Ereignisse miterlebt zu haben, schließt jegliches Vorgespräch aus, zeigt keinerlei Bild der Ausstellung, holt weder den Opfer- noch den Historikerstandpunkt stärker vor die Kamera. Das im Off- Halten all dessen, was normalerweise der filmischen Geschichtsschreibung angehört, verrät das eigentliche Anliegen des Films, das weniger im Zutagebringen einer Wahrheit liegt (sie wird als gegeben betrachtet) als vielmehr im Versuch, wortwörtlich und gleichzeitig auf frischer Tat zu erfassen, was sie auf widerwärtige Weise verzerrt. Beginnend eben mit diesen Worten, die sturzflutartig hereinbrechen, als hätte ein ein halbes Jahrhundert alter Damm plötzlich nachgegeben in eine vertrocknete Landschaft hinein, die sich nur aus den Gesichtern jener zusammensetzt, die sie von sich geben. Die schlechte Bildqualität, das Neonlicht, die langen, fixen Einstellungen auf die ehemaligen Soldaten, die ihre letzten Kräfte in eine Schlacht werfen, von der sie längst wissen, dass sie verloren ist, tragen nicht wenig zur frappierenden, beinahe experimentellen Dimension dieses Films bei.
JACQUES MANDELBAUM in Le Monde, April 19, 2000

In den kahlen, ausgekalkten Ausstellungsräumen sieht man sie vor den Bild- und Textwänden stehen, wie von Riesenmagneten angezogen, schweigend, reglos, jeder für sich. Dann sitzen sie dem unsichtbaren Fragensteller gegenüber, die Hand auf den Marmortischen, geben willig Auskunft wie bei einer Anamnese, oder sie reden, die Gesichter dicht vor den Fotos der Genickschüsse und Galgen, der Erschießungs-peletons und Plünderungskommandos, als ob sie selbst dort abgebildet wären und Rechenschaft ablegen müssten. Die Alpenmilchzentrale ist zum Röntgenraum geworden, eine ganze Generation lässt sich durchleuchten, freiwillig und öffentlich.
HANNES HEER, Historiker und Filmemacher, Leiter der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944“, 1996

Zwei beklemmende Stunden dauert Ruth Beckermanns Dokumentation über Hitlers Kriegsveteranen:
Zwei Stunden über Feigheit, Schwäche, Ignoranz, über Mitläufer und unbelehrbare Täter, zwei Stunden über eine verschwindende Minderheit, die nicht nach blindwütigen Ausreden sucht, zwei Stunden über eine Generation, die vor sich selbst in eine kollektive Amnesie geflüchtet ist.
HUBERTUS CZERNIN, 1996

… ein bemerkenswerter, distanzierter Film, der mehr als vieles andere das Prädikat Dokumentation verdient
EVA MENASSE

Ruth Beckermann lässt in ihrem Film Jenseits des Krieges Menschen reden. Es sind überwiegend ehemalige Wehrmachtssoldaten, die, bei der sogenannten „Wehrmachtsausstellung“ mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, von damals erzählen. Es ist zunächst und vordergründig ein Film über das Reden, buchstäblich ein Anschauungs-Unterricht über das Erzählen. Aber die noch viel zu wenig gewürdigte Pointe des Films ist: Er führt zu einer Neubewertung des Schweigens.
ROBERT MENASSE, aus „Sterbensworte“, Vorwort zu dem Buch „Jenseits des Krieges“

Das genaue Verhältnis von Erinnern und Vergessen, das das Gedächtnis bestimmt und konfiguriert, wird in einer Gesellschaft durch die politischen und kulturellen Diskurse kommunikativ reguliert, aber auch im sozialen Mikro-Bereich ausgehandelt, in Familien, in kleinen überschaubaren Gemeinschaften etc. Wie dieser meist nur abstrakt beschriebene (und beschreibbare) komplizierte Prozess funktioniert und welche Folgen er hat, macht „Jenseits des Krieges“ mit einfachen und sparsamen Mitteln anschaulich, so anschaulich, dass der Film auf Kommentare und Erläuterungen selbst verzichten kann.
ALBERT MÜLLER, Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, 1996

October 25
Looked through the film material so far. Here they are again, the men that I filmed during the Waldheim campaign ten years ago. I can’t listen to them any longer. I don’t want to let them speak. After all, they are not my fathers. I get impatient, I interrupt them when they drone on about their imprisonment and misery. Some of them invite us to their apartments to look at war albums. No thank you; I want to film them here, among these photos on white tiled walls, in the glare of the neon light. It happened in
public, they should talk about it in public.

November 5
Between interrogation and pity. I must keep a distanced view. How do you film enemies?
From Ruth Beckermann’s Shooting Journal

… C’est un troisième terme qui s’introduit dans le face-à-face entre la documentariste et ses interlocuteurs: une image revenue du passé, le hors-champ du film, qui oblige à se souvenir, à se confronter à ce qui se déroulé plus d’un démi-siècle auparavent, sur le front oriental …
Le regard de Ruth Beckermann n’est pas inquisiteur, bien qu’on sente (qu l’on imagine?) parfois sa révolte.
ERWAN HIGUINEN, Cahiers du cinéma, n°545, avril 2000





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